Sneaker-Sammelwahn – Kinderkacke oder unbedingte Großtat?

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Was mussten wir uns von Außenstehenden schon alles anhören über unsere Sneaker-Sammelleidenschaft? Dass wir verrückt sind, soviel Geld für ein paar Schuhe auszugeben. Wozu wir überhaupt 50 Paar Schuhe brauchen, wenn es doch mit drei bis vier Paar mehr als genug wäre. Dass wir Nerds sind, die sich in Details verlieren, die sonst keinen normalen Menschen interessieren. Und dann natürlich die üblichen Aussagen über Leuten mit einer Sammelleidenschaft: Sie sind Neurotiker, haben irgendeine Persönlichkeitsstörung und laufen früher oder später mal Amok – bla, bla, bla. Es wird dringend Zeit für ein Loblied auf das gepflegte Sneaker-Sammeln.

Sneakers zu sammeln ist ein Phänomen der westlichen Wohlstandsgesellschaften. In Ländern, in denen man sich für zehn Euro am „All you can eat“-Asiabuffet sattessen kann und man selbst ohne festen Job nicht unbedingt innerhalb der nächsten zwei Wochen auf der Straße landet, verschieben sich die Grenzen zwischen „brauchen“ und „haben wollen“ ganz von alleine. Unsere Probleme bestehen aus Fragen danach, welches Snapback am besten zu den Retro-Jordans passt und wo man dieses ganz bestimmte Wunder-Pflegemittelchen, dass es eigentlich bloß in Amerika gibt, herbekommt. Luxusprobleme. Ganz klar, dass in dieser Zeit und unter diesen Umständen ein einziges Paar Schuhe für viele nicht mehr ausreicht (und auch nicht zwei, drei oder vier Paar). Davon kann man halten was man will – im Grunde ist eine fast schon erwartbare Entwicklung.

Nur: andere Sammeln Kugelschreiber. Briefmarken. Münzen. Was ist davon bitte zu halten? Was ist verrückter? Ein Schlafzimmer voller Nazi-Orden, für die man 500 Euro pro Stück hingeblättert hat, oder einen Flur voll mit edlen Kicks? Insofern darf man sich schon fragen: Sammelticks haben viele, aber ist Sneakersammeln nicht noch  einer der harmlosen unter ihnen?

Ganz zweifelsfrei ist er einer der interessantesten – und zwar ganz objektiv betrachtet. Während Münzen nichts weiter als kleine Metallstücke sind, die sich häufig nur in Nuancen voneinander unterschieden oder ihren hohen Wert einfach nur dadurch erhalten, dass sie in einem bestimmten Jahr geprägt wurden, springen exklusive Sneakers auch Unbeteiligten gerne mal ins Auge. Das große Plus ist, dass sie nicht nur eine Freude für den Sammler selbst sind, sondern auch für die Passanten, die ihm auf der Straße begegnen. Wie oft nimmt man schließlich mit einem gewissen Stolz die neidischen Blicke auf die ultra-über-kracher-mäßigen Special-Edition-Reebok Pumps wahr. – Ein erhabenes Gefühl, welches jeder nicht Sneakers-affine Mensch mal gehabt haben sollte.

Gesammelte Sneakers werden auch im Gegensatz zu Briefmarken nicht in staubige Bücher verbannt, wo sie ihr trauriges Dasein fristen. Sie werden auf der Straße getragen und wir können uns an ihnen jeden Tag, an dem wir sie tragen aufs Neue erfreuen. Es ist eine Sammelleidenschaft, die wir mit unserem Kleidungsstil zum Ausdruck bringen können, anstatt sie in dicken Wälzern verbergen zu müssen. Und ganz nebenbei sehen wir noch geil damit aus.

Klar, es gibt auch die Gegenbeispiele. Die Nerds, die für ein paar Versace-Kicks um die halbe Welt fliegen, tausende von Euros ausgeben, nur um sie dann in eine beleuchtete Vitrine zu stellen. Die Dudes, die sich ein paar limitierte Air Forces für mehrere Hunnis gönnen, um sie dann einfach NIE anzuziehen, weil die Feinstaubpartikel da draußen die Laces vergilben könnten. Den Sinn eines solchen Verhaltens mag man anzweifeln, aber immerhin – und das muss man ebenfalls berücksichtigen – glühen diese Nerds wenigstens für ihre Sache. Und das ist ein Fakt, den man fast allen Sammlern zugutehalten sollte.

Denn machen wir uns nichts vor: Genau wie alle anderen Sammler sind wir Sneaker-Heads verrückt. Aber es ist unser Hobby, und wir lieben es. Am Ende sind wir alle ein bisschen crazy. Die Kunst ist, einfach dazu zu stehen. Und direkt in den nächsten Footlocker zu abzubiegen und die Jordan Einser noch schnell in Schwarz/Blau holen – die fehlen nämlich noch in der Sammlung.

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